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Louis: Du meine Güte! Was leben denn hier für große Holzwürmer?
Tino: Wieso? Was denn für Holzwürmer?
Louis: Na guck doch mal die Bäume da drüben. Total die Rinde abgefressen. Da sieht man ja sogar die Fraßspuren.
Tino: Ne, das waren keine Holzwürmer. Das waren Menschen.
Louis: Menschen fressen Bäume an?
Tino: Och Louis!
Louis: Veganer?
Tino: Nein, keine Veganer. Harzer!
Louis: Bitte? Der Regelsatz ist so niedrig, dass man jetzt in Bäume beißen muss?
Tino: Was redest Du denn da schon wieder? Keine Hartz IV Empfänger! Wobei der Regelsatz tatsächlich zu niedrig ist. Nein, ich meine Harzer als Beruf. So nannte man die Leute, die früher Baumharz geerntet haben.
Louis: Und dazu hat man Rinnen in den Baum gebohrt?
Tino: Nein, die Rillen sind geschnitten. Erst macht man vorn die Borke ab und dann schneidet man das Holz darunter von links und rechts im spitzen Winkel nach unten ein. In der Mitte ist dann ein Kanal, wo der Harz runterfließt.
Louis: Aber da fließt doch gar nichts.
Tino: Das Harz fließt nur bei frischen Rillen. Das Holz wird dadurch verletzt und das Harz tritt aus. Dann läuft es langsam nach unten. Da unten an der Spitze hing früher mal ein kleines Metalltöpfchen. Dort drin wurde das Harz aufgefangen.
Louis: Woher weißt Du das?
Tino: Harzer war früher mal ein recht gut bezahlter Beruf. Aber man hat das irgendwann vor ein paar Jahrzehnten aufgegeben. Nur die Bäume stehen natürlich noch und deshalb kann man die alten Sammelstellen noch sehen. Ich habe auch schonmal einen Stamm mit Töpfchen gesehen. Das ist aber schon lange her.
Louis: Und wieso haben die Leute damit aufgehört, wenn es gut bezahlt wird?
Tino: Weil man inzwischen Harz als Rohstoff nicht mehr braucht. Man hat das früher benötigt, um Pech, Kolophonium oder Terpentin herzustellen. Aber heutzutage wird das viel billiger auf andere Weise ohne Harz gemacht. Da lohnt sich das aufwändige Sammeln mit tausenden kleiner Töpfchen nicht mehr.
Louis: Tausende Töpfe? Was bekommt man denn von so einem Baum an Harz?
Tino: Soweit ich weiß ungefähr 4 Kilogramm. Und bis ca. 1990 hat man in der DDR jährlich 12.000 Tonnen Harz geerntet. Jetzt kannst du dir das ausrechnen.
Louis: 3 Millionen Bäume?????
Tino: Kann schon sein. Es wurden ja quasi ganze Wälder angezapft. Das war schon eine Menge.
Louis: Und jetzt gibt es den Job schon über 25 Jahre nicht mehr, aber man sieht immer noch, wo früher gearbeitet wurde.
Tino: Ja, bis die Bäume eines Tages gefällt werden und neuer Wald nachwächst. Das kann noch viele Jahre dauern. Bei manchen Bäumen gibt es auch an gegenüberliegenden Seiten solche Einschnitte. Aber mehr durfte es nicht sein, sonst geht der Baum ein.
Louis: Die hier stehen ja noch.
Tino: Ja. Nur sieht man ja, selbst nach Jahrzehnten ist die Holzwunde nicht wieder zugewachsen. Soweit ich weiß, wurden die angezapften Bäume als Bauholz eher unbrauchbar. Genau weiß ich es aber nicht. Vielleicht ändert sich die Struktur des Holzes durch die Verletzung?

Louis: Na, hier in dem Waldstück scheinen ja schon einige junge Bäume zu wachsen.
Tino: Ja, sieht so aus. Die alten Bäume hat man teilweise schon gefällt und bestimmt auch irgendwie verwertet. Man wird sie ja nicht wegwerfen.
Louis: Ne, das wäre ja Verschwendung.
Tino: Übrigens, Harz hat auch bisschen was mit Schmiergeld zu tun.
Louis: Bestechung im Wald?
Tino: Ne, aus Harz wurde Pech hergestellt und zusammen mit Leinöl war das ein Schmiermittel für die Räder der Kutschen. Wenn man damals mit der Postkutsche gefahren ist, musste man nicht nur die Beförderung bezahlen sondern auch ein Schmiergeld! laughing
Louis: Das ist ja der Knaller. Darauf wäre ich nie gekommen.
Tino: Das wusste ich auch lange nicht. Die haben damals an den Poststationen regelmäßig die Räder geschmiert, damit sie sich nicht festfraßen.
Louis: Tjaja, mit Schmiergeld läuft es auch heute noch wie geschmiert. laughing
Tino: Geeenau. cool
Louis: Haben die Harzer die Rillen mit dem Messer geschnitzt?
Tino: Nein, es gab damals spezielles Werkzeug dafür. Das kann man sich sogar in einer Ausstellung anschauen!
Louis: Echt?
Tino: Ja, nördlich von Berlin hat im Waldrevier Stolpe der Revierförster Peter Cyriax mit seinen Kollegen einen Harzungspfad gebaut.
Louis: Und da ist das alles erklärt?
Tino: Ja, das ist ein 200m langer Waldlehrpfad mit mehreren Stationen, wo die Harzgewinnung genau beschrieben ist. Da wollte ich schon immer mal hin.
Louis: Na, dann sollten wir da bei Gelegenheit mal Hinwandern.... laughing