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Tino: So, da ist der versprochene Kuchen. Und Du bist dir sicher, dass Du den verträgst?
Louis: Ich probiere mal. Sieht lecker aus.
Tino: Wie heißt Du eigentlich?
Louis:  Louis.
Tino: Aus Frankreich?
 
Louis: Aus Polen.
Tino: Aus Polen?
Louis: Tak.
Tino: Wat?
Louis: Ja.
Tino: Wie um alles in der Welt kommst Du in ein Berliner Tierheim?
Louis: Ach das sollte ein Heim sein? Heim ist für mich eine saftige grüne Wiese!
Tino: Ne, die haben nicht für jedes Tier das passende Biotop. Is für obdachlose Tiere aus aller Herren Arten.
Louis: Wozu brauchen Tiere ein Haus? Tiere kommen ohne klar. Außer Schnecken. Wobei, zu fressen gab es genug. Wirste fett von. Hab mich zurückgehalten. Sonst frisst mich noch jemand.
Tino: Ne, die fressen dich nicht. Die bringen dich nur unter.
Louis: Brauch ich doch gar nicht. Die anderen auch nicht. Ich brauch nur ein Stück Wiese, am besten mit einer Herde. Schafe natürlich. Und ohne Wölfe!
Tino: Ein paar Wölfe soll es in der Brandenburger Gegend auch geben. Sind aber sehr scheu und man hört selten etwas von denen. Kommen aus Polen.
Louis: WAAAAS?
Tino: POOOLEEEN.
Louis: Ja, bin ja nicht taub. Das is ja schrecklich!
Tino: Polen ist schrecklich?
Louis: Nein, die Wölfe!
Tino: Wieso?
Louis: Ich muss weg.
Tino: Wat? Wohin?
Louis: Egal. Nach Westen. Irgend wohin.
Tino: Wieso?
Louis: Wegen der Wölfe!
Tino: Die tun doch nix. Die kennen dich gar nicht. In der Großstadt gibt es eh nur zahme Wildschweine und ausgemergelte Füchse.
Louis: Aber die Wölfe sind in Brandenburg - also quasi gleich um die Ecke!
Tino: Na macht doch nix. Die kommen hier nicht her. Die sieht eh keiner.
Louis: Aber *die* sehen Schafe!
Tino: Aber Du bist doch nicht in Brandenburg sondern in Berlin! Wenn Du jetzt nach Westen willst, musste Du durch Brandenburg durch. Brandenburg ist UM BERLIN DRUMRUM!
Louis: Du machst Witze?!
Tino: Neh.
Louis: Äh... dann... bleib ich vielleicht doch besser hier.
Tino: Mir ist immer noch nicht klar, wie Du in ein Berliner Tierheim gekommen bist.
Louis: Die Polizei hat mich aufgegriffen. Ich hatte dummerweise in einem Vorgarten Abendbrot. Hab ich nicht erkannt. War schon dunkel.
Tino: Und das haben die Anwohner mitbekommen?
Louis:  Genau.
Tino: Und jetzt sucht die Polizei Deine Herde?
Louis: Ne.
Tino: Ne?
Louis: Ne, ich hab denen gesagt, dass ich Flüchtling aus Polen bin.
Tino: Haha, jaja, das glauben die nicht.
Louis: Doch, hab auf Polnisch gemäht.
Tino: Das kapieren die?
Louis: Jo, war auch überrascht, aber Berliner kennen sich scheinbar aus mit Fremdsprachen. Einer von denen hatte sogar polnische Eltern.
Tino: Das is ja praktisch!
Louis: Jo. Aber ich kann ja eh Deutsch. Es ging nur um Glaubwürdigkeit.
Tino: Okay, dann glauben sie dir, dass Du aus Polen kommst, aber wer flüchtet schon aus Polen?
Louis: Schafe!
Tino: Haha.
Louis: Nicht witzig!
Tino: Dann müssten ja in Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern lauter polnische Schafherden rumstehen.
Louis: Tun sie auch!
Tino: Quatsch!
Louis: Doch echt! Naja… also es sind schon deutsche Schafherden, aber die polnischen Flüchtlingsschafe integrieren sich. Wir sind schließlich Schafe! Herdentiere. Das ist gar kein Problem. Außerdem sind es eh nur 1% Flüchtlinge oder so. Das fällt gar nicht auf. Gras is genug da. Nachwachsender Rohstoff. Voll praktisch.
Tino: Und wieso geflüchtet? Hier kann das Gras unmöglich saftiger sein als in Polen.
Louis: Fressverfolgung!
Tino: Fressverfolgung? Wat is dat denn?
Louis: Weiß fast keiner, aber wir leben in einer Wolfsdiktatur.
Tino: Ach komm, Wölfe fressen doch eher Hirsche oder Rehe und Wildschweine!
Louis: Die flüchten auch!
Tino: Ja, aber Schaaaafe?
Louis: Uns geht es nicht besser. Wenn Du als Hausschaf das Pech hast und Deine Herde wohnt in einem Wolfsrevier….
Tino: Und die Wölfe trauen sich das?
Louis: Klar, machtgeil und gefräßig. Die haben auch keinen Skrupel zu expandieren. Verdrängen auch andere Rudel.
Tino: Und da biste dann abgehauen?
Louis: Ja. Hält Schaf nicht aus. Angst, überall. Bloß die Menschen erkennen das wieder nicht. Meinungsfreiheit is nich. Wenn Du Mäh machst, wirst Du gefressen. Freie Entfaltung is nich. Wenn Du irgendwo chillst, wirst Du gefressen. Grasen bis zum Umfallen is nich. Bist Du moppelig, wirst Du gefressen. Üppiger Hairstyle is nich.
Tino: Hast Du Afro, wirst Du gefressen! Haha.
Louis: Ne! Wirst Du geschoren! Okay, das machen nicht die Wölfe, aber ist voll peinlich. Alle kauern nur noch eng in der Herde zusammengedrängt und hoffen, zu überleben. Ist kein Leben, sag ich dir!
Tino: Und wie bist du da rausgekommen?
Louis: Ich hab mich schlank gehalten, damit mich keiner frisst und hab unter dem Zaun durchgepasst. Hab trotzdem nen Stromschlag bekommen. Sadisten, diese Menschen!
Tino: Immer noch besser, als wenn Du an den Zaun pinkelst.
Louis: Bitte?
Tino: Ach, schon gut. Und wie hast Du dich im Winter bis hierher durchgeschlagen?
Louis: Meine Familie hat Gras zusammengelegt und dann bin ich los. Vorher hab ich nochmal provoziert und einen auf Plüsch gemacht. Da haben sie mich geschoren. Passt man gleich besser unter den Zaun. Und nackt schwimmt es sich gut über die Oder. Schafskälte, aber man säuft nicht mit schwerem Fell ab.
Tino: Und dann wolltest Du wohl zu einer Herde?
Louis: Ja, aaaaber schlechtes Timing! Die waren nicht auf der Wiese sondern in Häusern. Vielleicht sind deutsche Schafe Frostbeulen. Keine Ahnung. Häuser für Tiere scheinen ja hier üblich zu sein.
Tino: Das waren bestimmt Ställe.
Louis: Weicheier, sag ich!
Tino: Hör auf, Deine Kumpels zu dissen.
Louis: Ja, tschuldigung, wo war ich?
Tino: Leere Wiese.
Louis: Genau. Wiese war das braune Gestoppel auch nicht grad. Also bin ich weiter Richtung Westen. Und irgendwann stand ich dann vor einem kleinen leckeren Stückchen Wiese. War schon Dämmerung und ich hungrig… naja, den Rest kennst Du.
Tino: Und später kam dann Wölfchen ins Tierheim zu Besuch?
Louis: Ja, komische Sache das. Schon, dass ein Schaf WÖLFCHEN heißt. Also echt mal! Was für wirre Blumenkinder waren denn bitte seine Eltern?
Tino: Vielleicht wollten Sie, dass man ihm gegenüber später Respekt zeigt.
Louis: Ja klaaaaar. Ein knuddeliges Wollknäul auf Beinen das Mäh macht und alle haben Respekt. Das hat noch nie funktioniert. Wir Schafe haben einfach kein Respekt einflößendes Image.
Tino: Die Eltern haben es bestimmt nur gut gemeint.
Louis: Naja, jedenfalls, plötzlich stand da dieses etwas traurig drein guckende Riesenschaf und fragte, ob ich mit will. Für Schafe wäre das Ghetto da nix und er hätte eine Herde und sogar eine eigene Wiese! Und Straßenbahn könnten wir fahren. Was zum Hammel ist eine Straßenbahn?!
Tino: Nix für Schafe. Menschen lassen sich damit hin und her fahren.
Louis: Hab ich dann auch gesehen. Könnt ihr nicht laufen?
Tino: Doch, aber nicht so schnell.
Louis: Was soll die Hektik?
Tino: Wir sind so. Mach dir keine Rübe.
Louis: Lecker.
Tino: Was?
Louis: Rüben.
Tino: Ich meine deinen Kopf!
Louis: Schon klar. War nur so ein Gedanke.
Tino: Hast Du schon wieder Hunger?
Louis: Ne, bin noch satt vom Kuchen. Na, jedenfalls gucke ich dieses Riesenschaf so an und denke mir: Wow, eigene Meinung, üppiges Fell, Hüftspeck, Freiheit und KEINER hat ihn gefressen! Der Wahnsinn! Und da bin ich dann halt mit. Und noch zwei andere Schafe, die da fest saßen.
Tino: Haste ja Glück gehabt!
Louis: Das sag ich dir! Die Tiere da waren alle bisschen gaga. Wer weiß, wie lange die da schon drin sind. Kriegt man doch ne Klatsche. Schafe im Haus und ohne Wiese. Geht ja wohl gar nicht!
Tino: Ne, passt nicht.
Louis: Allerdings….
Tino: Ja?
Louis: Ich sag mal, Wölfchen und ich… ich glaub wir sind doch unterschiedlicher als man denkt.
Tino: Wie meinst Du das?
Louis: Na, zum Beispiel seine "eigene Wiese".
Tino: Der begraste Minivorgarten vor seinem Haus? Mit dem Baum in der Mitte?
Louis: Ich ahne, wir denken in die gleiche Richtung. Ich meine, er ist zwar ein Großstadtschaf, aber er hat doch Sozialkontakte zu gebildeten Menschen und Internetanschluss! Und der nennt diesen Unkrauthügel mit Zigarettenkippen eine Wiese?
Tino: Tja, wenn man nix anderes hat, redet man sich die Dinge halt schön. Das färbt ab von der Umwelt.
Louis: Aber der hatte doch vorher gar keine anderen Schafe da!
Tino: Ne, aber Vögel. Die Eulen arbeiten doch dort als Praktikant bei den Leuten, wo er auch wohnt. Wenn Du dir als Praktikant die Welt nicht schön redest, bisste doch schon so gut wie in der Klapse.
Louis: Ja, die Eulen! Das ist auch so ein Klischee-Ding. Ich hab keine Ahnung, wer erfunden hat, dass Eulen WEISE und GEBILDET sind!
Tino: Naja, vielleicht gab es vor hunderten von Jahren tatsächlich mal EINE schlaue Eule und die hat das einfach allen erzählt und dann haben die es wieder weiter erzählt…
Louis: ...und weil es alle erzählen, ist es dann richtig?
Tino: Genau! Das ist wie mit Zeitungen. Wenn alle den gleichen Müll schreiben, denken die Leute, das wäre richtig. Das prüft kaum einer nach. Das Individuum mag ja schlau sein, aber die Masse ist oft einfach nur doof. Da glauben die das dann. Von wegen Schwarmintelligenz! Doch ist doch ein Mythos!
Louis: Oh mann…
Tino: Ja, und so lebt Wölfchen jetzt schon seit Jahren! Da ist das dann halt seine Herde.
Louis: Der Ärmste. Is ja viel schlimmer, als ich dachte. Haste übrigens den schwarzen Vogel gesehen?
Tino: Den Pinguin?
Louis: Jup. Der macht tatsächlich einen auf Eule. Haben die den ausgebrütet?
Tino: Ne, ich glaube, der ist auch mal irgendwann zu der Truppe dazu gestoßen. Vielleicht hat er keine Vorbilder und ahmt jetzt die Eulen nach. Hatter sich reingesteigert. Jetzt sitzt er eh auf dem Trockenen.
Louis: Deswegen sag ich: Häuser sind nichts für Tiere! Die werden da komisch. Die brauchen Natur!
Tino: Genau! Deswegen bin ich auch so oft wie möglich in der Natur.
Louis: Aber du bist doch gar kein Tier!
Tino: Ne, aber zu lange in Häusern unter Menschen…. Da werde ich auch komisch.

Willste noch ein Stück Kuchen?
Louis: Klar, da sag ich nicht nein.